Ganz ohne Mama und Papa

Heimkinder im Kreis müssen früh auf eigenen Füßen stehen - neues Projekt soll helfen.

Niemand geht zum Elternabend in der Schule, keiner unterstützt beim Umzug oder finanziell beim ersten eigenen WG-Zimmer, der ersten kleinen Wohnung. Keine Tipps für Bewerbungsschreiben, keinerlei Hilfe bei Bank- oder Ämterangelegenheiten.

Jugendliche und junge Erwachsene, die außerhalb der Familie in einer Jugendhilfeeinrichtung leben, haben selten Helfer und Unterstützer, wenn sie ohne gesichertes familiäres und soziales Netz die Fürsorge stationärer Jugendhilfe verlassen. Sie sind Care Leaver, wörtlich übersetzt Fürsorge-Verlasser.

Formal endet die Jugendhilfe mit Erreichen der Volljährigkeit. „Endlich 18 – darauf freut sich jeder Jugendliche, der zuhause aufwächst. Bei Kindern, die in einer Wohngruppe der Jugendhilfe oder in Pflegefamilien leben, ist oft das Gegenteil der Fall“, sagt Sarah Malzfeld.

Die Sozialpädagogin leitet das neue Projekt „Insight“ im Werra-Meißner-Kreis. Insight ist eine einrichtungsübergreifende, unabhängige Selbsthilfe-Kontaktstelle, die Jugendliche bei ihrem Schritt in die Selbstständigkeit begleitet, unterstützt und untereinander vernetzt. Finanziert wird das Projekt im Rahmen der Sozialraumorientierung aus Kreismitteln „Region hat Zukunft“ und der Jugendhilfeeinrichtung Burgenhof. Das Angebot soll sich auf den gesamten Werra-Meißner-Kreis erstrecken. „Wir freuen uns, dass sich alle Träger der Jugendhilfe aktiv an der Umsetzung des Projektes beteiligen wollen“, sagt Heidi Bevern-Kümmel, Leiterin des Fachbereichs Jugend, Familie, Senioren und Soziales.

65 junge Menschen im Kreis unter Dach der Jugendhilfe

 „Die unter dem Dach der Jugendhilfe aufwachsenden jungen Menschen bestmöglich auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit zu unterstützen, ist uns ein sehr wichtiges Anliegen. Wir sind sehr froh, dass wir dieses Projekt im Werra-Meißner-Kreis gemeinsam realisieren können und damit eine Nachsorge für die jungen Menschen ermöglichen“, sagen Landrat Stefan Reuß und Georg Forchmann, Vorstand Werraland Lebenswelten und Geschäftsführer des Burgenhofs.

„Aktuell leben 65 junge Menschen aus dem Werra-Meißner-Kreis in Einrichtungen der Jugendhilfe, davon sind acht bereits volljährig. Wird die Unterstützung in Form der Heimunterbringung weiterhin benötigt, so kann eine Hilfe auch über die Volljährigkeit für eine befristete Zeit in Anspruch genommen werden“, so Heidi Bevern-Kümmel.

Kimberley Chelcey ist eine dieser jungen Erwachsenen. Die 22-Jährige lebt jetzt mit ihrem Freund zusammen. Wenn sie über ihren Auszug aus dem Burgenhof spricht, stockt ihr die Stimme. „Das war ganz schlimm. Die Angst im Vorfeld, die Gewissheit nach meinem Auszug komplett alleine zu sein. Niemand mehr da, an den ich mich wenden kann – dieses Gefühl, diese Panik ließ mich fast verzweifeln.“

Während das durchschnittliche Auszugsalter aus dem Elternhaus in den vergangenen Jahren weiter angestiegen ist – es liegt mittlerweile bei 24 Jahren für Mädchen und 25 Jahren für Jungs – werden Mädchen wie Wajiha früh auf sich allein gestellt sein. Die 16-Jährige lebt im Burgenhof, besucht in Göttingen das Otto-Hahn-Gymnasium. Ihre Ziele formuliert sie klar: „Ein gutes Abitur machen und danach studieren. Am liebsten Psychologie.“ Wajiha ist selbstbewusst, sie legt großen Wert auf eine gute Kommunikation, die Gespräche mit der 16-Jährigen sind eine Bereicherung. Wenn sie über Bildungschancen von Heimkindern spricht, wenn sie über ihre Zukunft spricht. Doch da merkt man, wie Unsicherheit in ihr aufsteigt. Die Unsicherheit, wie es wird, wenn sie an der Reihe ist. Auszug aus dem Burgenhof, den Schutz der Jugendhilfe verlassen. „Bis dahin muss ich lernen, auch alleine sein zu können“, sagt sie.

Narben auf der Seele

„Die Angst vorm Alleinsein ist bei vielen Care Leavern sehr ausgeprägt. Die Wohngruppe war ihr Zuhause, die Gemeinschaft war ihre Familie, die sozialpädagogische Betreuung war ihr Halt“, sagt Sarah Malzfeld. Wenn das wegbricht, verlieren sich viele Jugendliche, ihnen bricht der Boden unter den Füßen weg. Denn sie haben oft Narben auf der Seele. Narben von dem Erlebten zuhause, bevor sie in die Obhut des Jugendamtes kamen.

Alleine zu sein, sich auf die Selbstständigkeit vorzubereiten, genau das lernt die 17-jährige Lena zurzeit. Sie zieht im Mai in ein sogenanntes Trainingshaus um. Eine Schnittstelle zwischen Jugendhilfeeinrichtung und der späteren eigenen Wohnung. „Ich bin dann in der Verselbstständigung“, erzählt Lena. Viele Dinge, um die sie sich vorher nicht eigenverantwortlich kümmern musste, nimmt sie zukünftig selbst in die Hand. Einkaufen, kochen, banal erscheinende Dinge des Alltags, an die viele Jugendliche unter dem Dach der Eltern in diesem Alter noch keine Gedanken verschwenden müssen.

Jugendhilfeeinrichtung nie als Heim angesehen

Ali ist schon einen Schritt weiter. Der syrische Flüchtlingsjunge lebt jetzt mit seinem Vater zusammen, der nach Jahren des Hoffens und Bangens ein Visum erhalten hat und seinen Sohn endlich wieder in die Arme schließen konnte. Viereinhalb Jahre lebte Ali zuvor im Burgenhof. „Ich freue mich unglaublich, zumindest meinen Vater wieder bei mir zu haben“, sagt der 17-Jährige. Trotzdem sei er auch traurig. „Ich habe die Jugendhilfeeinrichtung nie als Heim gesehen, sondern als Gemeinschaft, als Zuhause“, sagt der angehende Abiturient.

Kein Zuhause, aber eine Gemeinschaft – genau dafür steht „Insight“. „Wir sind für alle Jugendlichen da, die in Jugendhilfeeinrichtungen und Pflegefamilien leben, aber auch für junge Menschen, die von Zuhause wenig bis keine Unterstützung bekommen“, sagt Sarah Malzfeld.

Ziel sei es, ein Netzwerk aufzubauen, in dem die Jugendlichen gegenseitig für einander da sind und voneinander profitieren. „Der Care Leaver, der bereits auf eigenen Füßen steht, kann oft wertvolle Tipps und Unterstützung geben für diejenigen, die in naher Zukunft ihr gewohntes Umfeld verlassen oder gerade verlassen haben“, so Malzfeld.

Alle Jugendhilfeeinrichtungen werden angesprochen

Angesprochen werden alle Jugendhilfeeinrichtungen im Kreis. „Wir finanzieren das Projekt zwar mit, aber Insight ist keine Sache des Burgenhofs allein. Dafür ist es viel zu wichtig. Wir wollen in Person von Frau Malzfeld alle betroffenen Jugendlichen im Kreis erreichen, damit möglichst viele von ihnen Unterstützung und Hilfe bekommen“, sagt Georg Forchmann.

Je größer das Netzwerk wird, je mehr Care Leaver mitmachen und je mehr professionelle Helfer wie Sarah Malzfeld unterstützen, umso größer werden die Chancen von ehemaligen Heimkindern im Kreis, ihre individuellen Wünsche der eigenen Lebensgestaltung selbstbewusst umzusetzen. Ganz ohne Mama und Papa.

Kontakt: Sarah Malzfeld, Tel. 0151 28887161, E-Mail: sarah.malzfeld@insight-wmk.de, Instagram: insight_careleaver